Nordwärts – Der richtige Umweg

Nordwärts – Der richtige Umweg

Vor ein paar Tagen ist mir etwas passiert, das man durchaus als klares Zeichen deuten könnte: Stopp. Halt an. Mach mal Pause.

Was dann geschah, ist mir ehrlich gesagt ein bisschen peinlich. Falls ihr noch nie, in Gedanken versunken, ganz selbstverständlich in die falsche Richtung losgefahren seid, lest besser nicht weiter.

Ich stehe auf einem wunderschönen Campingplatz mitten im Wald. Der Boden ist weich, mit Fichtennadeln bedeckt, darunter ein mooriger Untergrund. Nachts rauscht der Wind durch Birken, nur übertönt vom noch lauteren Rauschen des kleinen Wasserfalls direkt hinter meinem Stellplatz. Ich habe gut geschlafen – und bin trotzdem müde aufgewacht.

Ende Monat. Es war der 30. Juni, und mein Datenvolumen von 40 GB war fast aufgebraucht. Also schaltete ich den Flugmodus ein und setzte mich zum Surfen vor das Servicehaus, wo es WLAN gibt. Später wollte ich nach Kongsberg fahren. Dort hat es mir so gut gefallen. Ausserdem hatte ich Lust auf einen Cappuccino im Espresso House.

Also los.

Mein Navi ist aus. Die Route zum rund 20 Kilometer entfernten Städtchen habe ich mir eingeprägt: zuerst die 37, dann die 40. Ganz einfach.
Mein Daten-Sparprogramm war bis ins Detail durchdacht: Nur eines hatte ich missachtet: die Richtung.

Die Strasse 37 führt nämlich in beide Richtungen durch dieselben Mischwälder, vorbei an braun schimmernden Moorseen und plätscherndem Wasser. Unterwegs halten wir sogar noch an, damit Peppina genüsslich schwimmen kann. Danach fahre ich zufrieden weiter.

Ihr ahnt es vermutlich schon.
Aus den geplanten 17 Minuten bis zum Cappuccino wurden es über 40.
Das sind die kleinen Reisegeschichten, die sich dazwischenschleichen, während man glaubt, alles im Griff zu haben.

Landschaftsroute 258 – Strynefjellsvegen

Am Vortag stand ich noch in Geiranger, einem der berühmtesten Fjorde des Landes, nachdem ich mich die 11 Haarnadelkurven der Trollstigen hinaufgeschraubt hatte und über die Hochebene ins gleichnamige Städtchen fuhr.
Gewaltige, dunkle Felswände ragen senkrecht aus dem Meer. Darüber stürzen Wasserfälle über glatt geschliffene Felskanten hunderte Meter in die Tiefe. Als die Touristenbusse eintrafen, wechselte ich vom kleinen Städtchen am Geirangerfjord auf eine Fähre nach Hellesylt. Mich reizte diese Fahrt schon allein des Namens wegen: Helle Sylt. Von den steilen Wänden stoben „die sieben Schwestern“ und auf der gegenüberliegenden Seite der „Freier“ und der „Brautschleier“.

Beeindruckend? Ja. Sehr. Aber das Kribbeln blieb aus.

Bei der nächsten Gebirgsüberquerung nahm ich nicht die neue Tunnelstrasse, sondern die Abzweigung zur alten Touristenstrasse 258. Wie in alten Filmen wand sich die feuchte Naturstrasse an vorstehenden Felswänden vorbei, hinauf zu einer immer wilderen Landschaft. Muss ich einer alten Postkutsche ausweichen? Es war das Abenteuer und die Neugier, die mich auf dieser historischen Passstrasse weiterzogen. Die sorgfältig aus Granit gehauenen Randsteine verhinderten ein Abrutschen in die tosenden Wasserfälle. Dramatisch? Nein, aber museumsreif inszeniert. Ich blieb auf einem kleinen Schotterplatz stehen. Etwas schräg, aber sehr urtümlich. Auch hier sprang ein Wasserfall polternd von Fels zu Fels. Und trotzdem, oder gerade deswegen schlief ich gut.

Am nächsten Morgen weckte mich das unaufhörliche Klopfen der Regentropfen auf dem Dach. Die Scheiben waren beschlagen, ich fröstelte. Regen also. Eigentlich logisch. Irgendwoher muss das Wasser ja kommen, das hier seit Menschengedenken herunterdonnert.

Dann fuhr ich los. Kein Fahrzeug weit und breit – auch keine Postkutsche. Nach ein paar Kurven liess mich ein unangenehmes Gefühl in den Rückspiegel schauen. Was verfolgt mich da?

Eine dicke Wolkendecke kroch beharrlich den Pass hinauf und blieb dicht hinter mir. Kurve um Kurve fuhr ich ihr davon. Aus jeder Felsspalte schoss Wasser über dunkle Granitblöcke ins Tal. Überall glitzerte türkisfarbenes Gletscherwasser. Die nassen Felsen glänzten im Regen, während helle Schneefelder noch immer die Rinnen und Mulden füllten.

Schliesslich erreichte ich die Passhöhe. Die Wasserscheide zwischen Ostsee und Nordsee.

Vor mir öffnete sich eine weite Hochebene. Trotz Regen und Nebel leuchteten unzählige Seen in einem tiefen Türkis. Einer neben dem anderen. Mit Sonnenschein wäre die Landschaft vielleicht surreal gewesen. So aber war sie einfach norwegisch.

Genau dieses raue Wetter hat diese Landschaft geschaffen. Gewaltige Gletscher haben das Gestein geschliffen, die Fjorde gegraben und die Seen hinterlassen. Noch heute prägen Regen, Schnee, karge Vegetation und Flechten das Hochland.

In diesem Moment wurde mir klar, weshalb mich Geiranger nicht so tief berührt hatte.
Nicht weil es weniger schön gewesen wäre.
Was ich hier oben sah, war neu. Hier oben wusste ich nichts. Hinter jeder Kurve wartete eine Überraschung, eine andere Stimmung, ein weiterer See. Das war das eigentliche Geschenk dieses Tages.

Die Nebelschlange gab auf.

Hätte ich diese Abzweigung nicht genommen, ich hätte einen wichtigen Teil Norwegens verpasst.

Die Peer Gynt Strasse war eine andere dieser magischen Begegnungen mit der norwegischen Natur.

Sollte ich in ein paar Tagen darüber jammern, dass es zu heiss ist, erinnert mich bitte daran, dass ich gerade durch die erfrischendsten Landschaften gefahren bin, die ich je erlebt habe.

Ende

Und dann kam Lom.

Im Sonnenlicht steht die älteste Stabskirche Norwegens.

Ein Gedanke zu „Nordwärts – Der richtige Umweg

  • Juli 6, 2026 um 5:17 p.m. Uhr
    Permalink

    Liebe verena
    Erfrischend wie du schreibst. Ich bin mit dir in die falsche richtung gelaufen und habe mitgelacht, als du es bemerkt hast. Einfach herrlich. Kleine geschichten aus dem leben, unvergessen.
    Auch die nebelschlange stellte ich mir vor, wie die dir nachschlich nach oben auf den pass. Fast gruselig.
    Geniess es weiterhin und ich freu mich auf die nächsten „abenteuer“
    Lg Eli

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert