Nordwärts – Drei Gesichter des Nordens

Nordwärts – Drei Gesichter des Nordens

Der Nordkapp liegt bereits hinter mir. Doch noch immer reise ich jenseits des Polarkreises durch den hohen Norden.

Drei Geschichten brennen mir unter den Nägeln. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und gehören doch zusammen. Die erste erzählt vom historischen Gesicht Nordnorwegens, die zweite vom geografischen und die dritte vom emotionalen. Doch der Reihe nach.

Verbrannte Erde

Angefangen hat alles damit, dass mir auffiel, wie wenige alte Häuser es im hohen Norden gibt. Ganz anders als in Schweden, wo man vielerorts noch jahrhundertealte Holzhäuser bestaunen kann wie zum Beispiel das Wohnhaus von Karen und Karl Larsson, das ich besucht habe. Je weiter ich in den Norden kam, desto häufiger sah ich Häuser aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Zuerst hielt ich das für Zufall.

Das sind Häuserzeilen in Tromsø, die älter sind.

Nach einigen Besuchen in Heimatmuseen und Beobachtungen lernte ich, dass der Zweite Weltkrieg hier oben für viel Leid verantwortlich war und tiefe Spuren hinterlassen hat. Auf alten Videoaufnahmen erzählten Menschen von Flucht, Angst und dem Verlust ihrer Heimat, die sie als Kinder erlebt hatten.

Was war geschehen? Hitler wollte das arktische Norwegen besetzen und dafür gab es drei Gründe: die eisfreien Häfen an Norwegens Küste, das schwedische Eisenerz und die Nähe zur Front gegen die Sowjetunion.

Als sich die deutschen Truppen im Herbst 1944 vor der vorrückenden sowjetischen Armee zurückzogen, zwangen sie einen grossen Teil der Bevölkerung von Finnmark und Nord-Troms zum Verlassen ihrer Heimat. Gleichzeitig wurden Dörfer, Höfe, Kirchen und Infrastruktur systematisch niedergebrannt. Ganze Ortschaften verschwanden. Nur wenige Gebäude blieben stehen. Bereits beim Besuch im Siida-Museum in Inari (Finnland) war ich auf ähnliche Geschichten gestossen. Auch dort erzählte man von Evakuierungen, Zerstörung und dem mühsamen Wiederaufbau nach dem Krieg.

Es gab auch die Bewohner, die sich weigerten ihre Heimat zu verlassen. Sie versteckten sich in Höhlen, Erdhütten und provisorischen Unterständen und überlebten dort einen arktischen Winter.

Beim Reisen mit offenen Augen sieht man Dinge, die man zunächst nicht versteht. Irgendwann erkennt man Zusammenhänge. Entweder reist man einfach weiter oder man beginnt Fragen zu stellen.

Ein Inselmosaik

Der abenteuerliche Tunnel vom Nordkapp ist unvergesslich. Nun, gut zwei Wochen später fahre ich völlig entspannt in dunkle Löcher rein – mit und ohne Licht. Tunnels unter dem Meer, durch Berge und rundherum sind zur Normalität geworden. Wenn nicht Tunnels dann führen mich Hängebrücken und unzählige Fähren von einer Insel zur nächsten. Mein Tollticket-Gerät funktioniert tadellos. Im Vorfeld meiner Reise habe ich es organisiert. Es registriert und verrechnet alle Überfahrten.

Allerdings habe ich längst den Überblick im Inselgewusel verloren.

Ich reime mir eine Entstehungsgeschichte zusammen: Der oberste Erschaffer der skandinavischen Welt sässe mit seinen Wald- und Berggeistern an einem Tisch und würde ein sehr schwieriges Puzzle lösen. Tausend Einzelteile lägen in einem wilden Haufen. Der Älteste sortierte die Häuser aus, die vorwitzige Elfin nahm alle Seen- und Flussteile, weil sie so blau wie ihre Haare waren, und der pausbäckige Bursche legte die vielen Bäume auf einen separaten Flecken.

«Okay, Wald gehört zu Wald. Das Blaue kann ich später immer noch zusammensetzen», knurrte der Waldmann, der nichts von Wasser verstand.

Immer mehr Trolle kamen hinzu. Jeder nahm sich einen Teil vor, bis in der Mitte langsam etwas entstand. Die Wälder in Schweden, die Seen in Finnland, die Städte im Süden. Zufrieden schauten sie ihr Werk an, denn sie hatten bereits viel geschaffen.

Da rief der Obererschaffer plötzlich:
«Und was machen wir jetzt mit diesem Haufen Teile, die noch übrig sind? Die sind weder Land noch Fels noch Meer.»
«Her damit. Mir ist das jetzt sowieso alles verleidet.»

Er begann, die restlichen Teilchen wild und hektisch ineinanderzupressen. Schliesslich nahm er sogar ein Messer zur Hand und schnitt einige Noppen ab, damit sie irgendwie zusammenpassten.

Es passte nicht wirklich. Aber der Obererschaffer war zufrieden mit seiner neuen Welt.
Und wir?

Neulinge wie ich müssen dieses Gewusel erst einmal verstehen. Vor lauter Inseln, Buchten, Fjorden, Brücken und Tunneln verlieren wir hoffnungslos die Orientierung.

Das Ergebnis kann man heute in Nordnorwegen besichtigen.
Es heisst Inselgewusel.

Diese Zeilen schreibe ich auf einer dieser Inseln. Es ist eine der sensationellsten Inseln am Atlantik. Auf Senja trifft sich Karibikromantik mit weissem, feinem Muschelsand und rauer alpiner Gebirgswelt. Senja liegt nördlich der Lofoten.

Mitternachtssonne

Wäre ich hier geboren, wäre es für mich wohl selbstverständlich, dass der Tag im Sommer nie zu Ende geht. Und ich kann euch versichern: Genau so ist es.

Für Nachteulen muss es ein Traum sein. Endlich können sie die Nacht zum Tag machen. Um Mitternacht Rosen schneiden, die Hausfassade streichen oder einen Strandspaziergang unternehmen. Und für Lerchen wie mich ist es herrlich, bereits um halb fünf Uhr morgens bei Sonnenschein mit einer Tasse Tee vor dem Bus zu sitzen und in die Landschaft zu schauen.

Anfangs fand ich das einfach nur grossartig. Ich nutzte beides. Abends noch kochen, lesen und schreiben, morgens um vier Uhr bereits weiterfahren. Ich hatte ja ein Rendezvous mit den Elchen. Bis ich merkte, dass ich zunehmend erschöpft und etwas verwirrt wurde. Mein Körper hatte keinen Rhythmus mehr. Mal war ich voller Energie, mal todmüde. Entweder schlief ich elf Stunden oder nur vier.

Peppina passt sich deutlich besser an als ich. Entweder schläft sie elf Stunden am Stück oder sie zottelt voraus, sobald ich die Busstür öffne. Offenbar ist ihr völlig egal, ob es vier Uhr morgens oder Mitternacht ist. Hund müsste man sein.

Also zwinge ich mich zu einem festen Tagesablauf. Der frühe Morgen ist mir wichtiger als der späte Abend. Deshalb befestige ich nun bereits um neun Uhr meine Verdunklungen an den Innenfenstern, lege das Handy weg und lese noch ein wenig. Meist schlafe ich kurz darauf ein.

Morgens sitze ich dann um vier Uhr mit meinem ersten Tee auf der Liegefläche und schaue in die neue Landschaft. Jetzt gerade schaue ich auf einen glitzernden See. Zwei kleine Inseln erheben sich aus dem Wasser. Schmetterlinge tanzen auf den saftigen Sommerwiesen.

Das Gefühl, nicht mehr auf seine innere Uhr hören zu können, erinnert mich an meine Australienreisen. Nach einem langen Jetlag weiss der Körper irgendwann nicht mehr, was er tun soll. Er benimmt sich wie ein Teenager: zu viel Energie zur falschen Zeit.

Wenn ich die Menschen hier frage, wie sie damit umgehen – monatelang kaum Sonne und dann plötzlich viel zu viel davon –, dann zucken sie meist nur mit den Schultern.
«Das ist normal.»
Viele benutzen Verdunkelungen oder Schlafmasken.

Unlängst sah ich in einem Film eine Szene mit einem sternenklaren Nachthimmel. Ehrlich gesagt: Mir kamen die Tränen. Einfach einmal wieder in einen dunklen Nachthimmel schauen. Gut, dafür gehört der Nachthimmel im Winter monatelang ihnen. Und als Entschädigung bekommen sie sogar die Nordlichter dazu.

In Tromsø wollte ich die Mitternachtssonne fotografieren. Also stellte ich mich vor die berühmte Eismeerkirche und wartete. Dabei beobachtete ich all die Menschen, die über die Hängebrücke joggten, mit Freunden auf der Parkbank eine Dose Bier tranken oder die Nacht ganz selbstverständlich zum Tag erklärt hatten.

4 Gedanken zu „Nordwärts – Drei Gesichter des Nordens

  • Juni 11, 2026 um 12:41 p.m. Uhr
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    Liebe Verena, ich hatte Deine wunderschönen Erzählungen so sehr in mich „aufgesogen“…. Du findest immer die passenden Worte in Deinen so spannenden Erlebnissen, ich könnte Stundenlang weiterlesen…😊
    Aber zack,….schon am Ende…
    So freue ich mich schon auf Deine kommenden Geschichten 🥰
    Dir und Peppina eine Wunderschöne Weiterreise und Traumhafte Begegnungen 😘

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  • Juni 11, 2026 um 11:09 p.m. Uhr
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    …. hab schon darauf gewartet, auf deinen weiteren Bericht, liebe Verena, und bin nicht enttäuscht worden.
    Wunderbar, wie du das alles so in Worte packst, wie wir an deinen Erlebnissen teilhaben und die begleitenden Fotos bewundern dürfen. Noch dazu versorgst du uns mit geschichtlichem Hintergrund und einem sehr originellen Puzzlespiel. Dass dir das nur einfällt!
    Fahr gut weiter und ich freue mich schon auf weitere Eindrücke auch mit Peppina!
    Alles Liebe
    Brigitte mit Lois und den Hunden

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  • Juni 12, 2026 um 6:04 p.m. Uhr
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    Liebe Verena
    Dein Bericht ist dir wieder einmal mehr als gelungen.👌🏻 Super informativ und die Trollen-Geschichte sensationell und voll Fantasie geschrieben. Die kreative Verena kommt da voll durch. Ich Liebe deine authentischen Berichte, deine Geschichten und auch den Norden sehr. Darum kann ich dabei voll und ganz abtauchen. Grossen Dank für‘s Mitnehmen und ich freue mich jetzt schon sehr auf deinen nächsten Bericht. Geniess den Norden im spektakulären Norwegen mit Peppina weiter. Ihr seid ein tolles Team!
    Allzeit gute Fahrt.
    Lg Silvia 🇸🇪🚐

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  • Juni 12, 2026 um 6:21 p.m. Uhr
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    Liebe Verena
    Dein Bericht ist sensationell und wieder mehr als gelungen. Er ist sehr informativ und authentisch geschrieben und die Trollen-Geschichte voll Fantasie und Kreativität. Dein Talent, das ich immer wieder bewundere. Ich Liebe deine Geschichten und den Norden, so kann ich darin genussvoll abtauchen.
    Ich wünsche dir und Peppina eine tolle Weiterreise im spektakulären Norwegen. 🇳🇴 Ihr seid ein tolles Team. 😍
    Allzeit gute Fahrt!
    Lg Silvia 🇸🇪🚐

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