Nordwärts – Dinge können sich ändern

Nordwärts – Dinge können sich ändern

Ich kann nicht weiterreisen – heute – zu tief sitzt mir ein Ereignis des gestrigen Tages im Nacken.

Während ich hier auf dem Campingplatz eine Tasse Tee braue, fegt ein scharfer Wind durch Kiefern und Birken. Er peitscht die Wellen im Fjord auf, und auch meine Gedanken wirbeln herum. Eigentlich will ich über die Lofoten schreiben. Ich will erzählen von türkisgrünem, azurblauem Wasser und von üppigen Blumenwiesen. Stattdessen blenden mich Blaulicht und erschreckende Sirenen.

Einmal mehr alles schön der Reihe nach, genauso wie die Bilder in meinem Fotoordner chronologisch gereiht sind.

Die Farben der Lofoten

Eigentlich wollte ich die Lofoten links liegen lassen, nach all den Warnungen zum Thema Overtourismus. Rote und gelbe Fischerhäuser auf Stelzen, türkisblaues Wasser vor dramatischer Bergkulisse überschwemmen die sozialen Medien. Zu Recht, wie ich inzwischen bestätigen kann.

Eine Bekannte lud mich ein. Ich solle doch vorbeikommen. So eine persönliche Einladung wollte ich nicht ausschlagen.

Wie in Trance reiste ich über Senja nach Andøya, durch die Vesterålen auf die Lofoten. Von einer Fähre zur nächsten, über eine Brücke zur nächsten. An Stränden, Klippen und engen Fjorden vorbei und dazwischen immer wieder Moorlandschaften. Das Kurvenfahren macht süchtig, süchtig nach immer spektakuläreren Ausblicken.

Letztendlich ist es dieses eine Bild, das sich eingebrannt hat. Am letzten Tag fuhr ich weitere Kurven zum Meer hinunter und stiess auf einen Bilderrahmen aus arktischer Bergwelt, einer saftigen Wiesen mit gelbem Hahnenfuss, weiss schäumendem Wiesenkerbel und pinkem Storchenschnabel. In der Mitte der eigentliche Höhepunkt: türkisblaues Wasser, so absurd schön, wie wenn eine Giraffe durch die Bahnhofstrasse stolzieren würde.

Es ist ein Bild, das für immer hängen bleibt.

Irgendwann fragte ich mich: «Woher kennst du eigentlich das Wort Lofoten?» Aus tiefsten Hirnwindungen tauchte die Antwort auf: Die Farbe meines ersten VW Golfs von 1974 hiess Lofotengrün. Was das mit den Inseln zu tun hat, entzieht sich meiner Fantasie. Die Farbe erinnert mich eher an die nordische Tundra mit Flechten und Moosen als an diese Inselwelt voller Blau- und Türkistöne.

Was ich auf dieser Reise ebenfalls gelernt habe: Nicht alles muss so kommen, wie man befürchtet. Weder das Wetter, noch die vermeintliche Öde am Nordkapp oder der gefürchtete Overtourismus auf den Lofoten.

Dinge können sich ändern.

Ein Elch am Morgen

Vorbei sind die Tage voller Sonne, Berge und Mitternachtssonne. Tage, an denen der Blick automatisch nach oben geht. Zu den gezackten Gipfeln. Zum Himmel. Zum Licht, das auch um Mitternacht nicht verschwinden will.

Nun habe ich den Polarkreis hinter mir gelassen und reise weiter südlich.

Kurz nach meiner frühen Weiterfahrt stand er auf einer Wiese.

Die einzigen Sonnenstrahlen beleuchteten die frisch geschnittene Fläche. Er stand mitten auf dieser giftig grasgrünen Wiese vor einem fast schwarzen Wald. Noch ein Bild – einfach und gestreift: oben schwarz, unten grün. Darin ein Fleck mit wachsamen Ohren auf langen Beinen. Langsam, beinahe in Zeitlupe, ging er von links nach rechts, blieb stehen, drehte den Kopf und schaute mich an. Lange und intensiv fokussierte er mich.
Unsere Zeit steht still.
So ist das mit den Elchen. Sie springen nicht davon wie ängstliche Rehe, sondern bleiben einfach stehen und scheinen verstehen zu wollen.

Der gesenkte Blick

Während in den letzten Wochen meine Augen meist nach oben blickten – zu den Bergen, den Wolken und der Mitternachtssonne –, senken sie sich nun auf den Boden. Das Wetter hat gewechselt. Regen und Nebel begleiten mich. Auf der Suche nach einem Cappuccino lande ich in Mosjøen und spaziere durch den alten Stadtteil «Sjøgata», eine der besterhaltenen Strassen mit bunten Holzhäusern in Norwegen.

Statt den Blick zu den schroffen Felsen auf der anderen Seite des Flusses zu richten, schaue ich auf meine Schuhe. Sie stehen auf einem besonders schönen gusseisernen Gullideckel. Nicht nur der Name der Ortschaft ist darauf eingeprägt, sondern auch das Wappen und der Name der Giesserei, die ihn hergestellt hat.


Kiruna, Tromsø, Trondheim und Mosjøn

Bis anhin hatte ich sie nur gelegentlich bemerkt. Nun fallen sie mir überall auf. Auch in Trondheim. Vier habe ich fotografiert. Sie tragen den Namen der Stadt. Manche zeigen Fische, Wellen, Könige oder Stadttore.

Sie erzählen ihre eigene Geschichte.
Es sind unscheinbare Dinge. Dinge, an denen man normalerweise vorbeigeht oder sogar darauftrampelt.
Vielleicht suche ich gerade genau das. Nicht die grosse Aussicht. Nicht den nächsten Höhepunkt. Sondern etwas Boden unter den Füssen.

Damals wusste ich noch nicht, was dieser Tag für mich noch bereithalten würde.

Trondheim

Von Sirenen und Blaulicht

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich mein Blickwinkel verändert hat.

Heute, einen Tag nach meiner traumatischen Tunnelfahrt, sitze ich hier am Fjord und versuche Ordnung in die Bilder zu bringen. Doch statt die Fotos der Lofoten zu sortieren, bleiben meine Gedanken immer wieder am gestrigen Tag hängen.

Ich verlasse Trondheim und fahre in einen weiteren Tunnel. Er ist eng, mässig beleuchtet, zweispurig. Alles ist wie immer.
Und dann kommt ein Polizeiauto auf meiner Fahrbahn.
Mit Blaulicht, Sirene und Scheinwerfern rast es mir frontal entgegen.
Wenn ich „rase“ schreibe, dann meine ich „rase“.
Die Sirene widerhallt. Die Lichter reflektieren. Die Nässe verdoppelt das grelle Licht.
Kein Pannenstreifen rechts. Keine Ausweichmöglichkeit. Hinter mir ein Auto. Auf der Gegenspur ebenfalls Verkehr.
Ich bremse leicht.
Es gibt keinen Ausweg.

Und für einen Moment sehe ich es: das Ende.

Im allerletzten Augenblick bremst das Polizeiauto ab und fädelt sich zurück auf seine Spur.
Es geht alles gut.
Doch der Schock sitzt tief. Auch heute noch.

So schnell kann alles vorbei sein.

Zum Glück hatte ich bereits einen Campingplatz ausgesucht. Ich wollte eigentlich Zeit haben, um über die nächsten Reiseziele nachzudenken. Stattdessen war ich einfach froh, nur noch die letzten zehn Minuten fahren zu müssen.

Weinend checkte ich ein. Die junge Frau an der Rezeption bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich erzählte ihr, was passiert war.
Als ich fertig war, weinte sie mit.

Sie schenkte mir ein Glas Wein ein, für das ich unendlich dankbar war.
Sie fühlte mit mir und spürte, dass sie mich mit ihrer Empathie und diesem Glas Wein auffangen konnte.

Manchmal reicht ein einziger Mensch, der die Situation ernst nimmt und einem erlaubt, erschrocken zu sein, ohne unnötige Floskeln.

Draussen windet es und nieselt.

Eigentlich wollte ich über die Lofoten schreiben und das habe ich auch getan.
Doch wie so oft auf Reisen hat sich eine andere Geschichte dazwischengedrängt.

6 Gedanken zu „Nordwärts – Dinge können sich ändern

  • Juni 23, 2026 um 12:23 p.m. Uhr
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    Liebi Verena
    Etz bini grad chli verschrokke – und bi bi froh, dass Du heil aacho bisch am nöchschte Ziil.
    Heb Der Sorg – und hoffentli wiiteri SCHÖNI Erläbnis uf Dinere Fahrt
    Liebi Grüess us em Chläggi
    Heidi

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  • Juni 23, 2026 um 12:39 p.m. Uhr
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    Uiiii….verena. Was du alles erläbsch😱😱nid so es schöns biespiel gsie. Aber zum glück isch alles guet gange🙏. Schutzängeli sind di am begleite😇 das hallt no lang bah. Nimm dr ziet und verarbeit das zersch bevor du wieter gahsch. Das mit de gülledeckel isch au luschtig. Luegt me susch gar nid so genau a🥴 gueti wieterreis mit nur no schöne erläbnis🤩 Eli

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  • Juni 23, 2026 um 8:19 p.m. Uhr
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    Auch ich habe die Luft angehalten, als dieses Szenario beim Lesen vor mir auftauchte …
    Puh, was bin ich doch froh, dass es nicht gekracht hat!
    Auf das trinke auch ich sehr gerne ein Glas Wein mit dir.
    Prost, liebe Verena, aufs Leben, auf die Gesundheit … und auf eine gute 2. Halbzeit deiner unglaublich schönen Reise mit „unserer“ Peppina! ❤️
    Alles Liebe
    Brigitte und Lois … und mit nur mehr Vicky

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  • Juni 24, 2026 um 1:17 p.m. Uhr
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    Hallo Verena,

    Wahnsinn, dann merkt man erst wie kurz das Leben sein kann…
    Aber Gott sei Dank hat sich die Situation positiv aufgelöst….
    Du schreibst so bunt, man kann richtig mit Dir fiebern. Auch ich trinke ein Glas Rotwein auf
    Dich. Prost … pass weiter auf Dich auf und fahre vorsichtig. Jason grüßt die Peppina…

    Viel Spaß weiterhin und von mir ganz liebe Grüße…
    Gabi mit Jason, Miles und Herrmann…..

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  • Juni 24, 2026 um 9:29 p.m. Uhr
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    Liebe Verena
    Deine bisherigen Nordland-Erzählungen waren bis jetzt von dir sehr harmonisch und sorgenfrei und voller Begeisterung verfasst worden. Doch dieses Mal, ist da etwas sehr Einschneidendes auf deiner Weiterreise passiert. Wir haben uns ja bereits telefonisch darüber unterhalten und bedauern sehr, was da vorgefallen ist und freuen uns aber, dass du in diesem schwierigen Moment eine äusserst emphatische Frau getroffen hast, die dich verstanden hat und dich trösten konnte. 🙏🏻Danke an das Leben und danke, dass wir weiterhin deine wunderbaren Nordland-Texte lesen können und dürfen. 🙏🏻
    Weiterhin eine wunderschöne Reise, auch wenn das Wetter, im Moment, etwas garstig ist.
    Freuen uns wieder von dir und Peppina zu lesen. 🚐🇳🇴

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    • Juni 24, 2026 um 10:05 p.m. Uhr
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      Liebe Verena wie haben wir alle das Glück, dass wir diese Zeilen lesen dürfen,… sehr gefährliche Zeilen und doch ein weiteres Lebenszeichen von Dir.
      Ja, solch ein furchtbares Erlebnis musst Du erst einmal verarbeiten….
      Du schaffst das, Du bist eine starke, mutige Frau. Dein Schutzengel ist stets dabei und passt auf Dich auf.
      Hab eine gute Weiterfahrt und bestimmt verdrängen viele wunderschöne Bilder diese arge Erfahrung.
      Vielen lieben Dank für Deine spannenden Erzählungen, wir sind in Gedanken fest bei Dir und Peppina😘😘

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