Da sitze ich nun bei 71 Grad Nord, am Ort, wo Europa gefühlt ins Nordpolarmeer stürzt. Vor mir die Weltkugel, Symbol für das erreichte Ziel.
Der Tag gestern war für mich so aufregend und aufwühlend, dass ich heute – ausgeschlafen – früh am Morgen zurückgekehrt bin. Mit dem Unterschied: ich sitze nun drinnen in der Nordkaphalle, einem runden Gebäude mit Shop, Restaurant, Fensterfront und einem Cappuccino vor mir. Einmal mehr kann ich erst weiterreisen, wenn ich aufgeschrieben habe, was ich erlebt habe.

Mittig vor dem Panoramafenster thront stoisch die metallene, schlichte Weltkugel auf ihrem Sockel. Allein trotzt sie dem garstigen Wetter. Schneeflocken jagen um sie herum. Einer glücklichen Fügung ist dieser einmalige Sitzplatz mit Rundumblick zu verdanken. Als ich heute früh hier ankam, sah ich Menschen frühstücken. Also scannte ich mein 24-Stunden-Ticket beim Eingang zur Nordkaphalle und schummelte mich hinein. Et voilà, da bin ich. «Darf ich?», fragte ich den Koch. Schmunzelnd sah er zur Seite und sagte: «Ich sehe nichts.» Also strich ich mir ein Konfitürenbrot. Vielleicht ist es Teil der Eintrittskarte, reimte ich mir zusammen.
Erst später bemerkte ich meinen Irrtum, als ich diese grosse Halle nicht mehr verlassen konnte. die Reisegruppe war weg und die Türen vorübergehend verriegelt. Es war schon spooky, in dieser riesigen Halle eingesperrt zu sein. Regulär öffnete sie erst später. Ich habe einmal mehr einfach grosses Glück.
So kommt es, dass ich jetzt arglos hinaus auf dieses Stück Metall schaue. Sie markiert den Ort über dem Meer. Schlicht gestaltet verkörpert sie das Ziel meiner Reise.






Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die Erlebnisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden haben meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Genauso habe ich es mir gewünscht. Sonne, Wind, Schneegestöber und viel Bewegung am Himmel damit man die Rauheit fassen kann, wenig Touristen, um die Einmaligkeit zu spüren, und ein Kribbeln im Bauch, das dann beginnt, wenn die Emotionen bildlich gesprochen im Wirbelwind tanzen.








Tags zuvor verliess ich den Campingplatz in Karasjok um halb fünf Uhr morgens. Knapp vier Stunden Fahrt lagen vor mir. Die Strassen gehörten mir, die Sonne war meine Begleiterin. Vor mir entfaltete sich auf unerwartet atemberaubende Art eine Landschaft mit kargen Flächen und winterlich kahlen Birkenwäldern. Ich fuhr hinab zu grünen, sonnigen Ortschaften, an Gewässern gelegen. Kaum unten, kletterte ich wieder hinauf in gebirgige Hochplateaus. Fasziniert blickte ich in diese sich fortlaufend verändernde Landschaft. Einzelne kleine, rot bemalte Wohnhäuser und Ställe gruppierten sich zu Dörfern mit Fischerstegen und kleinen Booten. Ein See reihte sich an den anderen.
Vorbei an Lakselv ging es endlich dem Fjord entlang. Erstmals sah ich das Meer. Hier oben trägt es einen Namen, den ich bisher nur von Landkarten kannte: Barentssee. Die Küste entlang staunte ich über eine gewaltige Faltenwerfung. Hier war vor hunderten Millionen Jahren etwas Gewaltiges geschehen. Kontinentalplatten hatten sich gegeneinander gestemmt und die vielen Sedimentschichten gefaltet, gestaucht und übereinander geschoben.



Wind, Eis, Meer und Wetter hatten die Felsen später wieder abgeschliffen. Kaum Humus blieb hängen. Die Schichten lagen offen vor mir wie bei einem deutschen Baumkuchen. Ich fuhr durch geologische Geschichte. Kein Wunder zog sich die Strecke in die Länge, musste ich doch an jeder Ausweichstelle den Blinker setzen, aussteigen und knipsen.
Dann öffnete sich der Schlund zum Nordkaptunnel. Erst zog sich die Röhre düster und staubig dahin, bevor sie plötzlich in die Tiefe stürzte.
Ich war allein unterwegs.
«Bin ich da auf einem Ritt in die Hölle?», fragte ich mich. Zuerst fährt man bei 9 % Gefälle zweihundert Meter hinunter, um dann ebenso steil wieder emporzusteigen. Was hatten sich die Tunnelbauer dabei gedacht? Erst später begriff ich, warum. Um von einer Insel zur nächsten zu gelangen, mussten sie unter dem Meer hindurch und auf der anderen Seite wieder hochkommen. Gewaltig eindrücklich und ein weiteres Erlebnis, das sich eingebrannt hat.

Die Vorstellung, hier zu Fuss oder mit einem Fahrrad und Satteltaschen unterwegs zu sein, ist beängstigend.
Und dann endlich war ich auf der Zielgeraden zum Nordkap. Es ist ein Hochplateau mit spärlicher Vegetation. Die Strasse windet sich dem nördlichsten Punkt entgegen. Ich focht mit dem Bedürfnis, überall anzuhalten, die Wolken, die Felsen und die Schneefelder festzuhalten. Dann erschien in diesem Wechselbad von Sonne, Wind und Graupel sogar ein Regenbogen.
Jetzt musste ich anhalten und fotografieren. Habe ich nicht das Glück gepachtet?
Und dann waren Peppina und ich da. Extrem erleichtert, dass mir dies gelungen war, und staunend über alles. Auf der Webcam, die ich unterwegs konsultiert hatte, konnte man nun mein Auto sehen. Wie cool ist das denn! Alle zehn Minuten aktualisierte sie sich. Ich stellte den Link ins „Aktuelles“ von WhatsApp, und so traf ich mich virtuell mit Freunden und Familie. Das war sehr lustig, aber auch sehr skurril zu sehen, dass sie mein Auto und mich, wenn auch nur schemenhaft, zwischen den weissen Wohnblöcken erkennen konnten.
Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.
Ich fühle den Stolz und meine unbändige Freude. Alles möchte ich teilen. Erstmals fühle ich mich ein wenig einsam und verlassen. Aber ich reise gern allein. Nur mit Peppina lässt es sich nicht so gut feiern.
Übrigens war das Nordkap schon im 19. Jahrhundert ein Sehnsuchtsziel für wohlhabende Reisende, Forscher, Adlige und später Kreuzfahrtgäste. Wer es bis hierher geschafft hatte, feierte die Ankunft oft mit einem Glas Champagner.
So auch ich.
Ich rief eine Freundin an, die spontan ebenfalls ein Glas in die Hand nahm, und wir prosteten uns lachend und staunend zu. Sie bei dreissig Grad in Schaffhausen auf dem Balkon, ich bei Minustemperaturen am Nordkap.


Liebe Verena – herzlichen Glückwunsch – du hast es einmal mehr geschafft, deinen Träumen zu folgen und zu erfüllen und du hast dein festgesetztes Ziel mit Bravour erreicht. Hut ab. Geniesse deinen Glückstaumel in vollen Zügen – ich habe deinen Reiseweg mit dir erleben dürfen und dafür sage ich von ganzem Herzen DANKE – ich wünsche dir weiterhin noch viele solche Glücksmomente – es gibt keine bessere Zeit als diese – Herzlich Brig
Hihi….schön dass ich diesen grossen moment mit dir teilen durfte. Es war auch für mich sehr besonders. Wer kann schon zeitnah mit jemanden der real am norkapp ist, mit einem glas champagner zuprosten und das bequem auf dem balkon bei gleissender sonne. Ein hochgefühl seinesgleichen!
Unglaublich, wie toll du schreibst …. ich bin fasziniert und ganz bei dir!
Danke, dass wir Daheimgebliebenen alles so hautnah miterleben können dank deiner wunderbaren Beschreibungen.
Prost, liebe Verena, auf eine gute Weiterreise. Wir sitzen alle virtuell bei dir im Bus und ich streichle gerade deine/unsere Peppina!
Hallo Verena. Wunderschön zu Lesen und Herzlichen Glückwunsch,
das Du Deinen Traum Dir erfüllen konntest. Hut ab. Ich freue mich sehr für Dich. Geniese Dein Glücksgefühl und komm gesund nach Hause.
VLG Gabi